Die Einarbeitung meines Schweisshundes

Über die Vorbereitung eines Schweisshundes auf seine späteren Aufgaben sind ja zahlreiche gute Bücher geschrieben worden – und ich habe die meisten gelesen. Irgendwann kommt dann der Tag, an dem aus der Theorie die Praxis wird und an dem man sich entscheiden muss, welchen Weg man in der Ausbildung seines Hundes gehen will. Es führen viele Wege nach Rom, und es gibt sicher mehrere Methoden, die geeignet sind, einen Schweisshund „zu machen“. Wichtig ist aber, dass man sich von Anfang an auf eine Methode festlegt und diese konsequent verfolgt, auch wenn es hin und wieder Rückschläge gibt – die gibt es nämlich bei jeder Methode.

Kein noch so gutes Buch kann aber das profunde Wissen eines erfahrenen Schweisshundeführers und Ausbilders ersetzen, und man ist, besondern als Erstlingsführer, gut beraten, sich einem solchen anzuvertrauen. Nicht umsonst haben die beiden zuchtbuchführenden Schweisshundevereine in Deutschland das Patensystem etabliert, bei dem ein erfahrener Führer einem Neuling mit Rat und Tat zu Seite steht.

Lange bevor ich die Entscheidung traf, selbst einen Spezialisten führen zu wollen, habe ich mich über die Ausbildung und die Nachsuchenarbeit bei einem anerkannten Nachsuchenführer informiert – auf vielen Nachsuchen habe ich ihn begleitet, ihn Löcher in den Bauch gefragt und viele wertvolle Tipps für die Welpenerziehung, aber auch die Arbeit auf der Krankfährte erhalten. Auch bei der Auswahl des richtigen Züchters wurde ich umfassend beraten, und als es dann Anfang 2016 so weit war, war ich – zumindest theoretisch – bestens vorbereitet.

Wie bereits erwähnt, gibt es mehrere Methoden – auch der Verein bietet in einer umfangreichen Broschüre eine Anleitung zur Ausbildung an. Ich hatte aber beschlossen, mich komplett auf die Vorgehensweise meines Ausbilders einzulassen, die in etlichen Punkten von den beschriebenen und allseits bekannten Methoden abweicht.

Mit 8 Wochen zog nun Lennox vom Hohehahn, genannt Leo, bei mir ein. Für die sogenannte Stubendressur und die komplette Gehorsamsausbildung würde ich alleine zuständig sein, die Organisation der Schweissarbeit hingegen hatte sich mein Ausbilder vorbehalten – von der ersten Fährte bis zur Vorprüfung wird er für mich den Fährtenleger machen, insbesondere am Anfang werde ich alleine keine Fährten treten und arbeiten, damit sich nicht gleich zu Beginn Fehler einschleichen, deren Beseitigung nachher viel Zeit und Energie kostet.

Der erste große Unterschied zu den bekannten Methoden war der Verzicht auf jegliche Futterschleppe. Die zweite große Herausforderung war, den Welpen völlig selbständig und ohne Ansprache seines Führers seine angewölften Fähigkeiten entdecken und entwickeln zu lassen. Wer schon Hundeführer auf der Ausbildung oder bei der Schweissarbeit beobachtet hat, dem wird eine vollkommene Sprachlosigkeit auf der Fährte seltsam vorkommen, Ansprechen des Hundes mit „Such verwundt“ und „Zur Fährte“ scheinen doch schliesslich die Grundlagen erfolgreicher Schweissarbeit zu sein…

Entsprechend instruiert, fing für mich und Leo bereits in seiner ersten Woche bei mir, seiner 8. Lebenswoche, die Schweissausbildung an. Helmut hatte mit dem Fährtenschuh mit Schalen und Schweiss einer Sau die erste, ca. 200 m lange Fährte mit einer Standzeit von 30 Minuten getreten. Wie bereits erwähnt, hat Leo zuvor keine Futterschleppe oder vergleichbares gearbeitet. Ich habe ihn nur mehrmals mit ins Revier genommen und ihm bei einem lockeren Reviergang Wald, Feld und Wiese gezeigt.

Am Startpunkt angekommen, durfte Leo aus der Box und erstmal ausgiebig die Umgebung erkunden. Den Beginn der Fährte hatte Helmut ca. 10 m in den Hochwald gelegt. Ganz zwanglos gehen wir ein paar Schritte vom Weg in den Wald hinein, der noch unsichere Welpe folgt umgehend und hält engen Kontakt zu uns. Kurz vor dem „Anschuss“ bleiben wir stehen, reden kein Wort, vermeiden auch jeden Blickkontakt zum Welpen. Leo schnüffelt mal hier, mal da, wirkt unsicher, weiss nicht was er machen soll, zeigt die eine oder andere Übersprungshandlung.

Ziel dieser Methode ist es, den Hund von Anfang an zu selbständigem Handeln zu erziehen. In letzter Konsequenz ist diese Herangehensweise auch logisch, denn schließlich ist es der Hund, der die gute Nase hat und der Fährte folgt, die Aufgabe des Führers besteht alleine darin, seinen Hund „zu lesen“ und zu erkennen, was er gerade macht. Dazu bedarf es keiner Worte, diese lenken nur den Hund und den Führer von der der eigentlichen Arbeit ab.

Nach einer kurzen Zeit der Unsicherheit beginnt Leo, sich auf sein wichtigstes Organ zu besinnen und „scannt“ mit der Nase den Waldboden ab. Aller Anfang ist bekanntlich schwer, und so unterstützt Helmut den Welpen, indem er ein paar Schritte auf die Fährte zugeht. Da Leo sich stets an uns orientiert, kommt er so unweigerlich auf die Witterung. In seiner Zeit beim Züchter hatte er bereits totes und lebendes Wildschwein kennen gelernt, der Duft ist ihm also bekannt. Unsere Aufgabe ist es nun, dem Hund die Verknüpfung von Witterung und Belohnung am Fährtenende in Form von Futter und Lob zu lehren.

Nun hat er die Fährte angefallen und arbeitet sie zentimeterweise voran – ihn reizt der Geruch, noch ohne zu wissen worum es hierbei geht und was am Ende auf ihn wartet. Zeigt der Welpe unsicheres Verhalten oder ist er durch irgendetwas abgelenkt, genügen schon ein paar Schritte auf der Fährte, um ihn wieder an seine Aufgabe heranzuführen.

Auf diese Weise kommen wir zwar langsam, aber doch letztendlich ans Ziel – den abgelegten Fährtenschuh. Und nun stellen wir sogleich die Verknüpfung Fährte – Beute her, indem wir einen vermeintlichen Leckerbissen anbieten.
Zu diesem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, dass mein bayrischer Gebirgsschweisshund aus Ostfriesland nicht auf schwäbische Saitenwürstle – der eigentlichen Inkarnation eines Hundeleckerlis – steht.

Nachdem die erste Fährte am 15.7.2016, also 5 Tage nach seinem Einzug bei mir, noch von großer Unsicherheit geprägt war, wurde dies bei der zweiten Fährte schon besser. Allerdings liess die Konzentration gegen Ende doch sichtbar nach, etliche Übersprungshandlungen belegen dies. Wichtig aber ist, den Hund alleine finden zu lassen, unterstützt nur durch das langsame Fortbewegen in Richtung Fährtenende. Keine Ansprache, kein Blickkontakt. Man muss sich da schon zur Ruhe zwingen und Geduld haben. Und es ist wichtig, einen erfahrenen Ausbilder zu haben, der den Hund gut einschätzen kann und die Fährten entsprechend legt. In diesem Stadium nicht zum Stück zu kommen, wäre schon ein kleiner Gau…

Zweimal pro Woche steht nun Fährtenarbeit auf dem Programm – immer mittwochs und sonntags hat Helmut eine Fährte für Leo gelegt. In den kommenden 8 Wochen arbeiten wir so insgesamt 16 Fährten mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Von 30 Minuten Stehzeit in Woche 8 zu 6 Stunden in Woche 16, von 200 Metern auf 600 Meter, mal kürzer, mal länger. Schweiss wird nur dann – und immer in geringster Dosierung – verwendet, wenn es die Bodenverhältnisse erfordern. Ziel soll es schließlich sein, einer Fährte ohne jegliches Pirschzeichen bis zum Stück folgen zu können.

Helmut baut von Anfang an viele rechtwinklige Haken ein – meist 8-10 Stück auf jeder Fährte. Auch die gut frequentierte Suhle, der frische Rehwildwechsel und der Pirschweg zum Hochsitz werden mit einbezogen. Ebenso wird darauf geachtet, dass der Untergrund im Fährtenverlauf mehrfach wechselt, über laubbedeckten Waldboden und Farn, durch Brennnessel und Brombeeren, durch Nadelhochwald und Fichtendickungen geht es hindurch.

Da wir völlig ohne Worte, ohne Korrektur und ohne den Hund in irgendeiner Weise zu bestätigen arbeiten, sehen wir schon nach wenigen Fährten das steigende Selbstbewusstsein des Hundes – er findet den Anschuss, fällt die Fährte an und verfolgt sie konzentriert. Die angewölfte Fähigkeit zur Selbstkorrektur wird durch die vielen Haken gefördert, deutlich sieht man im Video das Überschiessen des Hakens und das darauf folgende selbständige Korrigieren. Der Hund arbeitet die Fährte nun zügig voran, ohne Hilfestellung unsererseits. Die Bindung zum Führer zeigt er, indem er hin und wieder in der Fährte verhofft und sich versichert, dass wir folgen – und schon geht es weiter voran.

Ich habe Leo ab der 12. Wochen bei den Reviergängen hin und wieder an eine kurze Schleppleine gelegt, um ihn an den Schweissriemen zu gewöhnen. In der 14. Woche haben wir begonnen, die Fährten mit dem Riemen zu arbeiten. Es hat ihn von Anfang an nicht sonderlich beindruckt. Er hat verstanden, was das Ziel der Fährte ist und verfolgt es mit viel Finderwillen und großer Konzentration. Parallel dazu werden Gehorsamsübungen – Laufen an der Leine, Ablegen in verschiedenen Varianten, Laufen im Gelände, Schussfestigkeit etc. durchgeführt.
Der Grundstein ist also gelegt – Aufgabe wird nun sein, bis zur Vorprüfung im August 2017 noch viele Schwierigkeiten und Variablen einzubauen und zu verändern. Bodenverhältnisse, Wetter, Stehzeit, Verleitungen werden in den kommenden Monaten variiert und kombiniert werden, um alle bei einer echten Nachsuche vorkommenden Ereignisse simuliert zu haben.

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